'Über Musik zu reden ist wie über Architektur zu tanzen', verkündete einst der große Frank Zappa auf seine unvergleichlich polemische Weise. Dennoch ist es der dialogische Austausch, durch den gegenseitiges Verständnis auch in der Musik erst möglich wird. Sagen sie einem indischen Musiker einmal, dass er einen Blues spielen soll. Oder sagen sie einem Konzertpianisten, dass das nächste Musikstück über einen speziellen traurigen Makam gespielt wird. Geradezu notwendig ist dieser Austausch nämlich, wenn sich verschiedene Musiker nicht im Rahmen derselben musikalischen Idiome bewegen. Hier wäre eine Verständigung ohne Erklärung der musikalischen Praxis quasi unmöglich.

Denn oral tradierte Musik aus anderen Kulturen oder eine spezielle Aufführungspraxis ist nicht einfach ohne jede Erklärung zu begreifen, nachzumachen und in die eigene Spielpraxis umzusetzen. Vor allem dann nicht, wenn sie idiomatischen Prinzipien folgt, die fast wie ein Geheimwissen nur wenigen Menschen zu eigen sind. In Brasilien ändern sich die Samba Grooves z.T. von Dorf zu Dorf. In Syrien sind es die Makams. Beispiele für derartig regionale Idiome gibt es viele. Hier ist eine eine dialogische Auseinandersetzung zwischen den Musikern eine Notwendige Voraussetzung für einen konstruktiven gemeinschaftlichen musikalischen Prozess.

Für einen Komponisten und Arrangeur ist es unerlässlich seine Instrumente und die verschiedenen Stilistiken, in denen er sich bewegt, so gut wie möglich zu kennen. Es macht einen guten Arrangeur aus, v.a. von den kleinen Besonderheiten eines Instrumentes oder Genres zu wissen und diese frei im Kompositionsprozess zu nutzen. Erläuterungen oder eine Übersicht über verschiedene Tricks, Kniffe und Besonderheiten für spezifische Instrumente gibt es allerdings nicht, ebenso wie es zahlreiche Musikkulturen und Spielarten gibt, über die es kaum Aufzeichnungen gibt, da sie lediglich oral tradiert sind und nur im direkten Gespräch mit Menschen erlernt werden können, die idiomatisch sehr eng mit einer bestimmten Spielweise verwurzelt sind, sei es durch einen regionalen Bezug oder durch eine lebenslang kultivierte Spezialisierung einer musikalischen Aufführungspraxis. Ausgangspunkt für das HOOU Projekt der HfMT waren also sehr spezialisierte Fragestellungen auf die ein Komponist keine Antwort erhalten kann ohne mit einem Spezialisten zu sprechen. Solche Fragen könnten sein: Wie schreibe ich für eine Klappentrompete Musik? Welche syrischen Makams kann ich für ein fröhliches Musikstück verwenden? Welche rhythmischen Besonderheiten muss ich beachten, wenn ich einen authentischen brasilianischen Choro in meine Musik einfließen lassen möchte? Welche charakteristischen Instrumente benötige ich in einem Merengue und wie setze ich sie ein? Wie soll der Komponist also von den kleinen Details erfahren, die teilweise nur ein erfahrener Spieler zu berichten weiß? Er muss in einen Dialog mit seinen Künstlern treten. Genau an dieser Stelle setzt das HOOU Projekt »Musikalischer Dialog« an. In Zusammenarbeit mit u.a. Prof. Kerschek und Prof. Matthias Höfs lassen sich genau die Fragestellungen nach stilistischen und technischen Feinheiten in kurzen Videoclips erläutern. Die Kernidee dieses Contentprojektes ist also die Beziehung zwischen Komponist/Musiktheoretiker und Instrumentalist und die Weitergabe von noch nicht dokumentiertem Spezialwissen musikalischer Praxis auf sehr hohem Niveau.

Methodik

Bei der Wahl der Formate der Contentproduktion orientiert sich das Projekt vor allem an der Frage, wie die ausgewählten Themenbereiche bestmöglich wiedergegeben werden können. Die Wahl fiel hierbei eindeutig auf die Produktion von Video-Content als Hauptmedium. Die einzelnen Videoclips werden auf einer für das Projekt speziell erstellten Webseite organisiert und können dort mit zahlreichem weiteren Material angereichert werden, also Textdokumenten, Linkssammlungen, Grafiken, etc. Das gesamte Material ist hierbei frei unter CC Lizenz verfügbar. Die Videoproduktion ist allerdings nur eine Art aktivierender Meilenstein, der die Studierenden dann bei der Behandlung des Materials im Unterricht dazu anregen soll, dass Material weiter zu entwickeln und selbstständig zu den Themen zu forschen. Hierzu kann das Projektteam jederzeit Veränderungen am Online Material vornehmen und ist über ein Kontaktformular auf der Webpage erreichbar. In einem weiteren Schritt soll die Seite mit einem browserbasierten CMS programmiert werden, für das Projektteilnehmer und Studierende einen Zugang bekommen und den Content eigenständig erweitern können. Die Musik soll also nicht nur gehört, sondern multimedial wahrgenommen und erforscht werden.

Lernziele

Die Lernendenaktivierung erfolgt beim Projekt »Musikalischer Dialog« nicht nur durch die Nutzung des Materials durch die offline Applikation im »Real Life« über »Flipped Classroom«- u.ä. Unterrichtskonzepte, sondern vor allem beim zukünftigen Prozess der Erstellung weiterer Materialien und Produktionen durch die Studierenden selbst mit Unterstützung der Projektleitung und des Professorenteams. Die bereits beschriebenen Fragestellungen entstanden allesamt aus der Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Partnern und musikalischen Weggefährten des Studiengangs Jazz an der HfMT Hamburg mit denen es einen regelmäßigen Dialog gibt. So entstand z.B. die erste Produktion aus einer freundschaftlichen Verbindung der Trom- petenklasse von Prof. Matthias Höfs und dem Studiengang von Prof. Wolf Kerschek. Weitere Produktionen mit Partnerinstitutionen und dem Studiengang Jazz verbundenen Künstlern auf der ganzen Welt (Brasilien, Dominikanische Republik, Indien) sind bereits in Planung. Auch hier werden im Rahmen des Projektes zukünftige Produktionen mit musikalischen Projekten der Studierenden verbunden. Die Produktionen sind somit zugleich Ergebnis eines Lernprozesses als auch Initialzündung für einen weiteren Lernprozess aus dem sich wiederum neues Material ergeben kann. Somit wächst die Projekt-Webseite und damit das Projekt »musikalischer Dialog« stetig weiter an. Ausgangspunkt ist also immer ein problembasiertes Bewusstsein in dem es darum geht, sich musikalische Spieltechniken anzueignen, seine musikalische Wahrnehmung zu schärfen eine Komposition so zu schreiben, dass sie danach auch für die Musiker umsetzbar ist oder auch in eine andere Musikkultur einzutauchen. Die im Rahmen dieses Bewusstseins gewonnenen Erkenntnisse sind dann die Bausteine bei der Erstellung einer OER.

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